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Abendbriefing im Audimax

So langsam treffen die letzten Leute in Rostock ein, die Telefone klingeln nicht mehr permanent und der Tag geht dem Ende zu. Zeit für das tägliche Infoupdate zum heutigen Tag in Rostock.

Bericht vom Hauptbahnhof

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Welcome Team

Bis zum heutigen Abend sind ca. 500 Geflüchtete am Rostocker Hauptbahnhof angekommen. Am Samstag waren es alles in allem 400 Menschen, welche die Hansestadt erreicht haben. Die meisten Personen kamen aus Richtung Hamburg, einige aus Berlin wenige auch vom #trainofhope aus Dortmund. Sie wurden, wie in den vergangenen Tagen von freiwilligen Helfer_innen in Empfang genommen. Ihnen wurden kalte und warme Getränke, sowie Essenspakete angeboten. Kleine Kinder freuten sich insbesondere über Plüschtiere und andere Spielsachen, welche von Rostocker Bürger_innen gespendet wurden. Gerade für die ganz Kleinen ist die ohnehin sehr anstrengende Flucht eine besonders verwirrende und oft beängstigende Strapaze. Momente der Ruhe und Sicherheit sind daher ungeheuer kostbar.
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Um die Kommunikation für die Neuankömmlinge verständlicher und nachvollziehbarer zu machen, waren auch heute wieder eine Menge von Übersetzer_innen vor Ort, welche dort freiwillige Arbeit leisteten. Mit den gestern umherreisenden Nazis und sogenannten „besorgten Bürgern“ aus Hamburg, Schwerin oder heute auch aus Wismar gab es am Rostocker Bahnhof keine Probleme. Für die Sicherheit der Geflüchteten war gesorgt. Seit dem gestrigen Tage sind immer auch Kollegen der Rostocker Feuerwehr bei den Ankünften zugegen. Die Polizei war lediglich mit sehr wenigen Beamten präsent, die sich vor allem im Hintergrund aufhielten.

Die Unterkunft in Marienehe
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Helfer_innen mussten zunächst alles improvisieren und sich komplett selbst organisieren. Dies ist auch passiert. Das Management der Unterkunft im ehemaligen HWBR Gebäude in Marienehe ist nun aber in der Zwischenzeit in die Hände des Ökohaus e.V. übergegangen, welche auch die Betreuung der Flüchtlingsunterkunft in der Satower Straße innehat. Ab heute sind durchgängig drei Mitarbeiter_innen vom Ökohaus in Marienehe vor Ort. Das heißt auch, dass dort eine langsame Übergabe der Verantwortlichkeiten angestrebt wird und die Betreuung der Unterkunft langsam in institutionelle Bahnen gelenkt wird. Bereits gestern gab es einen Besuch durch Stadtverwaltungsvertreter, welche sich die Unterkunft und die dortige Lage anschauen wollten.
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Aktuell gibt es eine Anzahl von 200 Personen, insgesamt hat die Unterkunft eine Gesamtkapazität von maximal ca. 300 Bewohner_innen.
Gesucht werden oft Fahrerinnen für verschiedene Fahrdienste, dafür erging die Bitte sich vorab bitte beim Infobüro anzumelden, und sich dort in den Fahrer_innenpool und Schichtplan eintakten zu lassen.

Weitere Menschen sind im MAU Club, im Peter Weiss Haus, JAZ sowie in der Nikolaikirche provisorisch untergebracht gewesen. Auch in der Hansemesse wurde nun durch die Hansestadt Rostock Platz für 500 Personen geschaffen, die lediglich kurz in Rostock bleiben und dann weiter mit der Fähre nach Schweden fahren wollen.

Die Arbeit am Fährterminal

Am heutigen Sonntag gab es nicht nur einen reduzierten Sonntagsfahrplan, es vielen auch wieder Fähren aus. Damit verkleinerte sich die Menge der Menschen, die mit den Fähren nach Schweden ausreisen konnten.

Im Infoplenum am abend berichtete eine freiwillige Helferin, welche eine Begleitung nach Schweden gemacht hatte, nach der Fähre würde ein Transport nach Malmö erfolgen, dort findet dann eine Registrierung (incl. Aufnahme der Fingerabdrücke (ERODAC )) für diejenigen Menschen statt, die bleiben wollen. Alle Geflüchteten, welche weiterfahren wollen, sollen nach Angaben der Helferin, bislang lediglich gezählt werden.

Gerade bei der Reisebegleitung erleben die Helfer_innen sehr schöne Momente der Dankbarkeit aber auch Momente, in denen trotz aller positiver Dynamik die ganze dramatische Realität der Flucht durch Europa deutlich wird. So berichteten Helferinnen im Gespräch von einem Refugee, der immer wieder auf dem Smartphone die Stimmen seiner Familienmitglieder anhörte, zu welchen er im Zuge der Flucht den Kontakt verloren hatte.

Der Tag im JAZ Rostock
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Die zentralen Spendensammelstelle im Jugendalternativ Zentrum, JAZ war heute wieder vom emsigen Treiben der Helfer_innen geprägt. In kleinen, thematisch getrennten Arbeitsgruppen wurden die eingehenden Spenden durchgesehen und weitersortiert, um eingelagert zu werden. Schuhe werden in männlich oder weiblich getrennt, ebenso die anderen Kleidungsstücke. Schlafsäcke werden von Bettzeug und Matratzen von Klappbetten getrennt. Im Hof bietet sich das Bild einer ähnlichen Arbeitsteilung. Es wird jeweils in kleinen Gruppen zusammen geschnibbelt, geschmiert, Gemüse geputzt und gekocht.
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Am gestrigen Tage hat das Kochteam im JAZ 340 Liter Kartoffelsuppe ausgeschenkt; insgesamt haben ca. 200 Helfer_innen dort gearbeitet. Heute, sagten die freiwilligen Helfer_innen, seien sie mit ihren Kapazitäten zum Kochen an der Obergrenze des Machbaren angelangt. Unterhält man sich mit den Menschen, die hier helfen, so zeigt sich ebenso wie am Bahnhof auch viel Frust. Die Effekte der Bemühungen der Hansestadt sind für die aktiven Helfer_innen nicht wahrnehmbar gewesen. „Das ist eine echte Schweinerei. Es gibt doch das THW und den Katastrophenschutz, die eigentlich sowas machen können!“ empört sich einer der Helfer. Das Problem besteht in einem fehlenden Responsivitätserleben. Die Helfer_innen arbeiten teilweise von morgens bis spät in die Nacht; einen Verantwortlichen der Stadtverwaltung oder aus den zuständigen Ämtern haben dabei die allerwenigsten in den letzten Tagen gesehen. So bleibt vor allem die Wahrnehmung der eigenen Leistungen im Bewusstsein. Und dies ist für einige Gesprächspartner_innen aber auch immer wieder eine sehr positive Erfahrung: Das Erleben wozu die Freiwilligen gemeinsam fähig sind, wenn sie entschlossen anpacken. „Hier läuft es halt total, ne“ ergänzt eine junge Frau, die am Nachmittag beim Sortieren der Spenden angepackt hat. „Hier ist man halt nicht alleine, es geht immer irgendwie weiter. Ich hoffe dass das auch so bleibt.“
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Am Abend gab es auf dem Infoplenum folgende Bitten aus der Küche im JAZ: Weiterhin benötigt wird Hilfe und Mitarbeit bei Küchenaufgaben. Ganz konkret, müssen morgen früh um neun Uhr zum Frühstück Brote geschmiert werden. Ebenfalls zu morgen um neun werden auch noch Brotspenden benötigt. Auch später am Tag gibt es nützliche Lebensmittelspenden „Leute haben Bock auf Obst“ schloss die Aktivistin ihren Report aus dem JAZ ab. Alle Lebensmittelspenden sollen weiterhin direkt ins JAZ und nicht zum HBF gebracht werden. Größere Spenden sollten zuvor über das Infotelefon angemeldet werden.

Aktivitäten der Hansestadt Rostock

In den vergangenen Tagen wurde einige Kritik an der Stadt und ihren Aktivitäten geäußert. Doch es bewegt sich auch etwas. Bereits am gestrigen Tage suchten die Senatoren Chris Müller und Stefan Bockhahn das Koordinierungsbüro in der Parkstraße auf. In die Forderung der Freiwilligen an den Gesprächen des städtischen „Verwaltungsstabes“ gleichberechtigt beteiligt zu werden, willigten die Senatoren ein. Erste gemeinsame Gespräche haben bereits stattgefunden.

„Wir führen sie morgen in unsere bisherige Arbeit ein, erklären ihnen alles.“ teilte Martin Arndt mit, der für Rostock Hilft an dem Gespräch teilgenommen hat. „Wir teilen mit, was wichtig ist, was zu beachten ist. Wir haben große Hoffnung, dass die Stadt dieses Wissen aufnimmt und auch in ihrer Arbeit berücksichtigt.“ In Bezug auf den Ausblick nach der Übernahme von Aufgaben durch die offiziellen Stellen sagte Arndt. „Wir machen weiterhin die Arbeit an den Fähren. Wir werden weiter für Infos sorgen und hoffen darauf dass ihr auch weiterhin helft.“ Nach der Übernahme von Aufgaben durch die Hanstadt Rostock wird es weiterhin Möglichkeiten geben, wie freiwillige Helfer_innen sich weiter für die Geflüchteten einsetzen können. Eine Idee, welch in den Raum gestellt wurde, war einen netten Treffpunkt an oder in der Messehalle einzurichten. Der Zweckbau erfüllt bislang ja noch alle Qualitäten eines Nicht-Ortes. Ob technische Unterstützung, freies Internet oder Kinderbetreuungshilfe. Es wird weiterhin eine Reihe von Tätigkeiten geben, die zu gewährleisten sind. Am Ende des Infotreffens wurde noch über ein Pressegespräch für morgen abend berichte. Dann sei in Bezug auf einige der offen gebliebenen Frage möglicherweise auch bereits mehr klar.

Online Tool für Schichtplan

Im Abendplenum wurde ein Onlinetool angekündigt mit dem in der Zukunft Rednundanzen in der Koordinierung von Arbeitszeiten von Freiwilligen vermieden werden sollen. Schichtzeiten werden ab morgen Mittag über dieses Onlinetool koordiniert. Infos zum Nutzen der Anwendung wird es zuvor noch in einem eigenen Blogbeitrag kommen. Damit wird es möglich sein, sich zielgenau für bestimmte Schichtzeiten eintakten zu lassen.