Bereits über einen Monat ist es nun her als am 8. September gegen Abend die ersten 80 Geflüchteten Rostock erreichten. Die Stadt öffnete an diesem Tag zum ersten mal die HWBR und noch bevor die Geflüchteten ankamen, waren erste Helfer*innen vor Ort und begannen einfach mit der Hilfe und „Rostock hilft“ war geboren. Was seit dem alles passierte, wie viele Leute wir versorgt & unterstützt, begleitet & geholfen, wie viele Menschen wir kennengelernt haben und wie viele neue Freundschaften entstanden sind: es ist alles wie im Zeitraffer geschehen.
Was in dieser Retrospektive aber mindestens genauso schwer zu fassen, aber doch unglaublich erfreulich ist: es läuft immer noch! Viele hatten beispielsweise Angst, dass nach wenigen Wochen alles zusammenbricht und das spätestens jetzt zum Semesterstart. Und trotz der nachwievor kaum stattfindenden Unterstützung der Stadt – trotz aller Zusagen und Versprechungen – läuft es immer noch. Klar fehlen immer mal wieder an einzelnen Punkten Leute und nicht alles läuft so wie wir es uns alle vorstellen und wünschen würden, aber es läuft. Dafür an dieser Stelle schon mal Danke an alle die dies möglich machen!

Das routinierte Chaos
Aber kommen wir zur aktuellen Situation, die gleichbleibend chaotisch, aber doch irgendwie immer anders ist. Gerade in den letzten zwei Tagen wurde es sehr unübersichtlich. So wurde beispielsweise die HWBR in Marienehe komplett leergezogen und alle bisherigen Bewohner*innen wurden nach Horst gebracht, um endlich registriert zu werden. Dann sollte die HWBR – so munkelte man zunächst – eine Gemeinschaftsunterkunft werden, wo Menschen, während ihr Asylverfahren läuft, regulär untergebracht werden. Mittlerweile ist die HWBR jedoch eine Unterkunft für Transitflüchtlinge, die im allgemeinen über die ganze Stadt verteilt sind. In der vergangenen Nacht und auch am heutigen Tag diente sogar das Rathaus als Notunterkunft für ankommende Geflüchtete, die weiter nach Skandinavien wollen.
Die Situation im Rathhaus war heute Nachmittag alles in allem recht sympthomatisch: eine unserer Helfer*innen, die Geflüchtete vom Bahnhof zur Unterkunft brachte, berichtet dass nicht viel mehr als ein paar Stühle vor Ort vorhanden waren und auch von der Stadt sich niemand vor Ort wirklich verantwortlich fühlte. Büro, Keller-Crew und einige Leute vor Ort bemühten sich dann möglichst schnell zumindest für eine Grundversorgung mit Wasser und einigen Lebensmitteln zu sorgen.
Ein Grund für das Chaos sind auch die reduzierten Fährkontingente, die Saisonbedingt von den Fährlinien zum Teil halbiert worden, sodass mittlerweile deutlich mehr Menschen ankommen, als am nächsten Tag weiter nach Skandinavien kommen.
Betrachtet man aber die Aktiven egal ob am Bahnhof, im Büro, in den Unterkünften, am Terminal oder wo sonst noch etwas läuft, so ist trotz der chaotischen Situation eine unglaubliche Routine im Umgang mit all diesem Chaos entstanden.

Die Stadt bewegt sich fast … ein bisschen … oder vielleicht auch garnicht
Während dessen hat sich als einer der „Rostock hilft“-Klassiker das Warten auf Unterstützung durch die Stadt etabliert. So kursieren schon seit mittlerweile zwei Wochen immer wieder Zusagen von verschiedenen Stadt-Vertreter*innen, dass es bald Stellen oder eine Finanzierungsbasis über einen Verein für Stellen geben soll. Konkret hat sich das JAZ als Verein bereit erklärt kurzfristig Geld von der Stadt zu nehmen, um einige Stellen zu schaffen um die vielen Helfer*innen zu entlasten.
Ob das Ganze jetzt kommt oder nicht, bleibt fraglich. Es sollte eigentlich längst geschehen sein. So habe der Hauptausschuss der Bürgerschaft mittlerweile Stellen und Geld freigegeben und mit dem Wunsch verbunden diese an einen freien Träger zu geben. Dies könnte das JAZ sein. Jedoch munkelt man, dass nun ein Machtkampf in der Stadt tobt, ob das Geld tatsächlich an das JAZ kommt oder ob – trotz aller Zusagen – die neugeschaffenen Stellen wieder genutzt werden, um den Bürokratie-Apperat noch ein wenig mehr aufzublasen.

Gegen die Brandstifter – Samstag 13:00 Uhr Neuer Markt
Doch während sich die Stadt ziert und nachwievor hunderte Freiwillige in Rostock dem Begriff „Menschenwürde“ versuchen etwas Realität einzuhauen, gibt es auch noch die geistigen und die ganz praktischen Brandstifter. So brannte in der vergangenen Woche bereits eine geplante Unterkunft für Geflüchtete in Boizenburg und auch anderer Orts gibt es immer wieder Angriffe, während mehrfach die Woche Neonazis und andere Rassist*innen an verschiedensten Orten in M-V aufmaschieren, um ihren rassistischen Blödsinn zu verbreiten.
Am Samstag möchte sich in diese Reihe die AfD einreihen und hier in Rostock aufmarschieren. Erwartet werden dabei nicht nur Anhänger*innen der Rechtspopulisten um den gerichtlich verurteilten Volksverhetzer Holger Arppe, der für die AfD auch in der Rostock Bürgerschaft sitzt. So mobilisieren auch die „Patrioten.Rostock“ die bisher vor allem auf Facebook ihren rassistischen Müll verbreiten. Und auch mit Neonazi-Kadern aus NPD Reihen müssen wir wohl rechnen. Daher kommt alle um 13:00 Uhr zum Neuen Markt und setzt ein Zeichen der Solidarität an Geflüchtete und stellt euch den Brandstiftern in den Weg!

Es wird kalt
Eine Sache die ihr sicher schon alle mitbekommen habt, ist dass die Temperaturen langsam deutlich kälter werden und das Wetter allgemein ungemütlicher. Das stellt auch unsere Spendenverteiler*innen vor besondere Herausforderungen, denn Jacken, Pullover, dicke Socken und alles was sonst noch so warm hält, ist für Männer so gut wie nicht mehr verfügbar. Also sagt noch mal allen Bescheid!
Außerdem steigt die Belastung natürlich auch für die Helfer*innen. Daher passt aufeinander auf!

Und der Bund verschärft das Asylgesetz
Aber auch die Bundesebene sollten wir nicht aus dem Auge verlieren. Hier ereignete sich mal wieder historisches und das im schlechtesten Sinne, denn das heute beschlossene Gesetzespaket ist die schärfste Asylrechtseinschränkung seit den neunziger Jahren, als die Politik vor dem rassistischen Mob in Rostock-Lichtenhagen kapitulierte und das Asylrecht bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte. Ein ähnlicher Angriff auf das Grundrecht auf Asyl scheint die aktuelle Gesetzgebung. Auch Pro Asyl bezeichnete es als ein „Programm der Entwürdigung von Menschen“.

Einige positive Dinge zum Schluss:
Die medizinische Versorgung für Geflüchtete in MV ist etwas sicherer geworden. So haben Innenministerium, Sozialministerium und Kassenärztlicher Vereinigung Rahmenvereinbarung getroffen, womit die Kosten für Behandlungen von Geflüchteten endlich abgesichert sind.
Am Hafen kam gestern eine norwegische Schulklasse vorbei, die 250,- € gespendet hat und zudem einige Süssigkeiten und andere Spenden für Geflüchtete am Terminal vorbeibrachten. Danke! <3
Außerdem findet ihr mitlerweile in ganz vielen Kneipen in Rostock eine unserer Spendendosen. Zum Beispiel im Heumond, im Café Käthe, im Albert et Emelie, im Café A Rebours, im Bensel & Gretels, im El Waleed, dem Freiraum und Helgas Kitchen. Also geht trinken und lasst euer Wechselgeld als Spende da!